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01.08.2013 20:54erstellt von: Jan Fleischhauer


Bundesweiter Trend zu ebenerdigen Querungen

Ebenerdige Querung in Karlsruhe

Ob die unterirdische Querungen an der Ostanlage durch eine Fußgängerampel ersetzt werden soll, wird in Gießen derzeit verstärkt diskutiert.


Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub Gießen (ADFC) bedauert, dass in der bisherigen öffentlichen Debatte Erkenntnisse aus anderen Städten nicht eingeflossen sind, obwohl sehr viele deutsche Städte in den letzten Jahren ihre Unterführungen durch ebenerdige Querungen ersetzt haben und dabei stets positive Erfahrungen gemacht wurden.

ADFC-Vorstandsmitglied Jan Fleischhauer ist daher nach Karlsruhe gereist, wo vor einigen Jahren an der Bundesstraße 10 auch die Frage anstand, wie bei einer bestehenden Unterführung eine barrierefreie Querung eingerichtet werden kann. Da auch in Karlsruhe eine Ampelanlage günstiger war als die Nachrüstung mit Aufzügen, entschieden sich die Karlsruher für die Ampelanlage, wobei es wie in Gießen zu größeren Protesten aus der Bevölkerung kam: So wurde mit der Sicherheit der Kinder argumentiert, die viele gefährdet sahen, da die dortige Hauptstraße mit 50.000 Fahrzeugen pro Tag sogar noch stärker befahren ist als die Ostanlage in Gießen (24.000 Fahrzeuge pro Tag). Auch Staus, Lärm und Abgase wurden befürchtet und vielfach hieß es, dass es gar keinen Bedarf für das Projekt gebe, da die bestehende Unterführung täglich von 900 Fußgängern und 600 Radfahren bestens angenommen wurde. Trotzdem entschied sich die Politik gegen teilweise massive Proteste dann für eine Ampelanlage. Im Gegensatz zu den Gießener Plänen blieb in Karlsruhe jedoch die alte Unterführung auch aufgrund des Protestes der Bevölkerung als alternatives Angebot erhalten, da dafür ausreichend Platz vorhanden war.

Wie der Karlsruher Bürgermeister Obert (FDP) in seinem Vortrag zur Karlsruher Verkehrsplanung berichtete, sind die Befürchtungen nach Fertigstellung der Ampelanlage nicht eingetreten. Der Verkehr fließt auch mit Ampel bestens und es seien auch keine Verkehrssicherheitsprobleme entstanden, obwohl die Querung in Karlsruhe deutlich komplexer sei, weil Ampeln und Zebrastreifen kombiniert wurden. Die Karlsruher sehen die Querung mittlerweile als einen der erfolgreichsten Bausteine in der Verkehrsplanung ihrer Stadt, denn Zählungen aus dem Jahr 2011 haben ergeben, dass nunmehr täglich 1.500 Radfahrer und 1.400 Fußgänger die Querung nutzen. Der Karlsruher Bürgermeister ist daher überzeugt, dass es wichtig ist, attraktive Angebote wie z. B. ebenerdige Querungen oder Radfahrstreifen zu schaffen, damit die Bewohner einer Stadt vom Auto auf Rad- und Fußverkehr umsteigen.

Bei einer Besichtigung der Querungsstelle in Karlsruhe, war dann selbst Fleischhauer überrascht, denn innerhalb von 10 Minuten haben rund 50 Radfahrer und Fußgänger die Bundesstraße oberirdisch gequert. Keine einzige Person nutzte jedoch die Unterführung, selbst dann nicht, wenn die Ampel gerade von grün auf rot umsprang und die Fußgänger wussten, dass sie nun länger warten müssen.

Die Karlsruher Stadtplaner beabsichtigen daher im Herbst eine neue Zählung, bei der geprüft werden soll, wie viele Menschen drei Jahre nach Bau der Querung noch die Unterführung nutzen. Das Ergebnis ist absehbar: Mangels Nutzung wird die Unterführung vermutlich bald geschlossen, um unsinnige Kosten für deren Betrieb einzusparen.
Die Karlsruher Ergebnisse decken sich übrigens mit den Ergebnissen aus der Fachliteratur: Eine drei Meter unter Straßenniveau verlaufende Unterführung wirkt auf Fußgänger wie 45m Umweg heißt es beispielsweise in Veröffentlichungen des Verkehrsforschers Prof. Knoflacher von der Universität Wien, der die Trennwirkung von Unter- und Überführungen in Städten untersucht hat. Nur durch Zäune und andere Hindernisse kann oftmals überhaupt erreicht werden, dass Fußgänger nicht oberirdisch queren und ihren Weg durch Unterführungen antreten.

Der ADFC Gießen begrüßt aufgrund dieser Erkenntnisse, dass der Magistrat nun den Weg für die ebenerdige Querung frei gemacht hat. „Viele deutsche Städte haben diesen Schritt zu mehr Barrierefreiheit und für die Förderung des Rad- und Fußverkehrs schon vor Jahren getan. Es ist gut, dass auch Gießen nun zumindest eine Fehlplanung aus Zeiten der autogerechten Stadt zurückbaut“, so Jan Fleischhauer.




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Bürgermeister Obert (FDP) erläutert die QuerungDie ebenerdige Querung hat den Rad- und Fußverkehr mehr als verdoppelt.Die Gießener Querung schafft neue Wege in die City


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