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16.03.2021 erstellt von: Jan Fleischhauer


ADFC-Fahrradklima-Test 2020: Gießen kommt bei der Fahrradfreundlichkeit nicht voran

Fahrradklimatest 2020: Gießens Stärken und Schwächen

Beim ADFC-Fahrradklima-Test 2020 schaffte es Gießen mit einer Schulnote von 3,9 erneut nur ins Mittelfeld der fahrradfreundlichsten Städte.


609 Gießenerinnen und Gießener haben im Herbst 2020 an der bundesweiten Befragung teilgenommen. Unzufrieden sind Gießens Radfahrerinnen und Radfahrer vor allem mit der Breite der Radwege, dem Falschparken auf Geh- und Radwegen sowie der Führung an Baustellen. Lichtblicke gab es erneut bei geöffneten Einbahnstraßen, Leihfahrrädern und der Erreichbarkeit des Zentrums. Der ADFC Gießen fordert, dass die Stadt jetzt endlich ein geschlossenes Netz aus Fahrradstraßen schafft, und den Verkehrsversuch am Anlagenring im Herbst startet. Fördergelder von Bund und Land von bis zu 90% stehen dafür zur Verfügung.

ADFC-Vorstandsmitglied Jan Fleischhauer sagt: „Die Corona-Zeit hat viele Menschen neu auf das Rad gelockt – und wir wollen, dass sich auch die Neuaufsteiger auf dem Rad wohl und sicher fühlen. Leider ist das in Gießen oft nicht der Fall. Immer wieder werden an Baustellen nicht die Schilder aufgestellt, die die Straßenverkehrsbehörde vorgegeben hat und auch nach Beschwerden ändert sich das nicht. Seit Jahren mangelt es an einer konsequenten Ahndung von Falschparkern auf Rad- und Gehwegen. Teilweise wird das Falschparken bewusst geduldet oder Kontrollen finden nur alle paar Wochen sporadisch statt, so dass das Falschparken nicht endet. Statt Autos bei gefährdendem Falschparken konsequent abzuschleppen wird oft nur ein Knöllchen angebracht. Die Stadt hat bis heute noch nicht Tempo 30 vor allen Schulen und Kindergärten umgesetzt und lehnt seit Jahren das vom Regierungspräsidium vorgeschlagene Tempo 30 auf den lärmbelasteten Teilen des Anlagenrings und anderen Hauptstraßen ab. Auch beim diebstahlsicheren Fahrradparken liegt aus Sicht des ADFC einiges im Argen: Die Stellplatzsatzung schreibt zwar seit vielen Jahren vor, dass bei allen Neubauten sichere Rad-Stellplätze realisiert werden müssen. Einige Bauherr*innen halten sich aber nicht an die Satzung und das Bauordnungsamt ist offensichtlich selbst nach Hinweisen aus der Bevölkerung nicht in der Lage oder nicht gewillt, die Stellplatzsatzung durchzusetzen. Damit Gießen wirklich einladend zum Radfahren wird, brauchen wir ein Netz aus Fahrradstraßen bis in die Nachbarkommunen und mehr und bessere Querungsmöglichkeiten an den innerörtlichen Hauptstraßen. Der ADFC nennt exemplarisch die für Fußgänger wie Radfahrer unbefriedigende Querungsmöglichkeiten an der unteren Marburger Straße – eine von vielen Stellen, die laut dem über zehn Jahre alten Radverkehrsentwicklungsplan längst hätte umgestaltete werden sollen. Um die baulichen Verbesserungen in Gießen zu realisieren, stelle der Bund mit dem Sonderprogramm „Stadt und Land“ ausreichende Finanzmittel zur Verfügung. Die Stadt müsse jetzt nur die vielen Planungen vollenden und beim Geld zugreifen, so der ADFC Gießen.

Seit dem Test im Jahr 2014 hat sich die Gesamtnote der Stadt Gießen von 3,7 auf 3,9 verschlechtert. Gießen liegt im Landesvergleich auf Platz 47 von 109 Städten. Dass es besser geht, zeigt z. B. Marburg: Die lahnaufwärts gelegene Universitätsstadt hat sich seit 2014 um 0,6 Notenpunkte verbessert und erreichte nun die Note 3,6. Auch Rüsselsheim, Offenbach Darmstadt und Frankfurt liegen vor Gießen, obwohl in diesen Städten weniger Rad gefahren wird als in Gießen. Die Stadt Frankfurt hat sich beim Fahrradklimatest besonders verbessert: Sie hat auf den Hauptstraßen der Innenstadt die Anzahl der Autofahrspuren halbiert und auf den früheren rechten Fahrspuren über drei Meter breite, rot markierte Radfahrstreifen angelegt. In Frankfurt führt das zum Umstieg vom Auto aufs Rad. Die Verbesserungen zahlten sich nun aus: Bundesverkehrsminister Scheuer (CSU) überreichte der Stadt Frankfurt gestern den Preis für diese konsequente Radverkehrsförderung.
In Gießen haben die Radfahrenden durchaus wahrgenommen, dass die Stadt u.a. mit den ersten Fahrradstraßen in jüngster Zeit etwas mehr für den Radverkehr getan hat. Sie bewerten die Radverkehrsförderung in jüngster Zeit mit der Note 3,6 und damit eine halbe Note besser als noch 2018. Auch die Ausweitung des Leihradsystems wurde positiv wahrgenommen: Hier verbesserte sich die Bewertung um 0,3 auf 2,4. Schlechter bewertet wurde hingegen die Breite der Radwege und die Falschparkerkontrollen: Hier sackte Gießen um eine Drittel-Note gegenüber 2018 ab.

Rekord: Rund 230.000 Teilnahmen, 1.024 Städte in der Wertung


Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zur Zufriedenheit der Radfahrenden weltweit. Er wird vom Fahrradclub ADFC alle zwei Jahre mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums durchgeführt und fand 2020 zum neunten Mal statt. Rund 230.000 Radfahrerinnen und Radfahrer haben bei diesem Durchgang abgestimmt, davon nur 15 Prozent ADFC-Mitglieder. 1.024 Städte kamen in die Wertung, mehr als jemals zuvor. Bei den 27 Fragen ging es darum, ob man sich auf dem Rad sicher fühlt, wie gut die Radwege sind und ob die Stadt in Zeiten von Corona das Fahrradfahren besonders fördert. Damit fundierte Ergebnisse erzielt werden, müssen pro Stadt mindestens 50, bei größeren Städten mindestens 75 beziehungsweise 100 Abstimmungsergebnisse vorliegen. Die Ergebnisse des Tests haben durch die breite Bürgerbeteiligung hohe Aussagekraft und können Kommunen helfen, das Angebot für Radfahrende gezielt zu verbessern.

Über den ADFC


Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit über 200.000 Mitgliedern die größte Interessensvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Die detaillierten Ergebnisse des ADFC-Fahrradklima-Tests 2020 finden Sie auf www.fahrradklima-test.adfc.de. Die digitale Pressemappe gibt es auf www.adfc.de/presse.




Bildergalerie

Fahrradklimatest 2020: Gießens Note im Vergleich zu anderen Städten in Hessen


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